Neulich mitgehört:
Herr A: "Wer war denn eigentlich die, die neben X saß? Das muss wohl irgendeine Assistentin gewesen sein, weil die hat nach der Mittagspause ja den Kaffee rübergeholt."
Herr B überlegt kurz. Dann: "Nein du, ich glaube das war die Leiterin der Sowieso-Abteilung."
Herr A - schaut etwas betreten: "Na, da siehste mal, was passiert wenn man mal ein bissl fürsorglich ist. Kommt man sofort in Verruf."
Daran sieht man, wie präsent Rollenklischees in der Berufswelt sind. Ist doch klar: Sekretärinnen holen Kaffee, ergo ist eine Person, die Kaffee holt eine Sekretärin. Klassischer logischer Fehlschluss. Doch mit Logik kommt man (und frau!) in solchen Situationen nur selten weiter.
Die Verhaltensweisen und Rollen, die die Berufswelt prägen sind eingefahren und über Jahre zementiert. Wie sollte sich aber auch jemals etwas ändern, wenn die Positionen, die mit Macht und Deutungsmacht verbunden sind, über Jahre von denselben Personengruppen besetzt werden, die alle ähnliche Lebensläufe, Hintergründe und Alltagsrealitäten haben. Diversifizierung geht anders. Die Sache mit dem Kaffee und der Sekretärin ist ja nicht das einzige Beispiel für ein Klischee. Da gibt es noch eine ganze Menge mehr:
Wer am längsten da ist, arbeitet am meisten.
Sobald eine Mitarbeiterin Mutter wird, ist sie vor allem Mutter und beruflich zu vernachlässigen. Und alle Frauen wollen irgendwann Mutter werden.
Wenn es um Kompetenzgerangel geht, sind Männer durchsetzungsfähig, Frauen hingegen zickig/hysterisch.
Karriere = das dickste Dienstauto, der teuerste Blackberry, das größte Büro.
Büros bevölkern DER Chef und DIE Sekretärin.
Etc.
Unterschiedliche Menschen bringen aus ihrem Leben und ihrem Alltag unterschiedliche Sichtweisen mit ins Berufsleben, in die Büros, in die Vorstände. Dadurch wird das Spektrum denkbarer Rollen und Realitäten in der Arbeitwelt breiter und es gibt auf jeder Hierarchieebene mehr Platz für verschiedene Karriereentwürfe. Die Folge: Es kommen wirklich kompetentesten Leute in Machtpositionen. Und nicht nur die, die am meisten Zeit haben, im Büro rumzusitzen. Und damit es nicht noch bis zum Sankt Nimmerleinstag dauert, bis das passiert, brauchen wir - na was? richtig! - die Frauenquote.
Vielleicht kommt dann auch keiner mehr in "Verruf", der vielleicht einfach nur Lust auf einen Kaffee hat und aus allgemeiner Höflichkeit den anderen auch einen mitbringen muss.

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